Die Kirche

Ein Glaubensschiff in 1200 Meter Höhe

 

Die Feldbergkirche Verklärung Christi ragt wie ein Schiffsbug aus dem Hang; wie eine stilisierte Schwarzwaldtanne richtet sich ihr Turm gegen den Himmel. Das Kirchenschiff ähnelt kaum dem klassischen Bild eines Gotteshauses und der Turm ist im eigentlichen Sinne überhaupt kein Turm. Zwei rechtwinklige Betonscheiben, 35 Meter hoch, aufgesetzte Betonkästen für die Glocken. Beton und Glas auch die Kirche selbst, dazu symbolisch schwere Eisenguss Portale. Im Innern schmucklos, ein Kreuz, eine kleine historische Madonna, ein rot leuchtendes Glasfenster in der grauen und hohen Altarwand. Ein Sakralbau im Stil der Zeit: Die 1960er-Jahre gelten als die reduziertesten in der viele Jahrhunderte umfassenden Kirchenbaukunst.

 

In Stein gemeißelt erinnert die Jahreszahl 1963 daran: Diese ungewöhnliche und höchstgelegene Kirche im Land wird in diesem Jahr 50 Jahre alt. Ein Anlass, dieses Gotteshaus auf der Passhöhe etwas in Erinnerung zu rufen. Dies zumal die einstige Euphorie längst abgeebbt ist, Glanz und Ausstrahlung der vom Karlsruher Architekten Rainer Disse erbauten Kirche locken schon lange keine Besucherscharen mehr an. Die Zeiten sind vorbei, als allsonntägliche Messfeiern viele Gläubige auf mehr als 1200 Metern Höhe zusammenführten, als wenige Einheimische und viele Feriengäste die Gottesdienste besuchten.

 

Vorbei auch die Zeiten, als das benachbarte Pfarrhaus seinem Namen noch Ehre machte, als die Pfarrer der Feldbergkirche noch Spengler, Schäffauer oder Fütterer hießen. Ihr Dienstauftrag galt einst nicht nur der Seelsorge auf dem Höchsten, auch Religionsunterricht am Gymnasium Neustadt gehörte dazu.

 

Das Kircheninnere ist für 250 Gläubige ausgelegt

 

Der Bau der Feldbergkirche war vor einem halben Jahrhundert keine Selbstverständlichkeit. Es gab im Vorfeld viele Diskussionen. Allerdings setzten die Verantwortlichen von Beginn an auf einen wesentlichen Strom "touristischer Kirchenbesucher". Und damit lag man in den 1960er-Jahren auch richtig. Großzügig ausgelegt, erhielt die Kirche ein Gestühl für 250 Gläubige. Die Gottesdienste waren im ersten Jahrzehnt bestens besucht, manches Mal reichten die Plätze kaum aus. An Weihnachten, Ostern oder Pfingsten ging es oft sehr eng her, auch später noch.

 

Doch das hat sich alles längst relativiert, regelmäßige Gottesdienste gehören seit vielen Jahren der Vergangenheit an. Entsprechend dem Trend nahm die Zahl der Gottesdienstbesucher immer mehr ab und eigene Feldberg-Pfarrer gibt es schon viele Jahre nicht mehr. Stattdessen setzt man heute mehr auf Ausstellungen, christliche Kulturveranstaltungen wie Vorträge oder Filmabende. Sehr gut angenommen werden auch die "a-dieu-Andachten".

 

Den Anfang bildeten zwei Kapellen

 

Bei aller Beton-Lastigkeit: Die 1260 Meter hoch gelegene Kirche unterhalb des Seebucks hat auch etwas Schlichtes und Symbolisches. Äußerlich dem Bug eines Schiffes nachempfunden, der sich allen Gefahren entgegen stemmt, empfindet man im Innenraum Größe und Geborgenheit. Immerhin 30 mal 30 Meter misst die Grundfläche. Der Altar liegt rund zehn Meter unter der Bodenhöhe des ansteigenden Hanges. Bewusst höhlenartig wirkt dieser schützende Raum, umso mehr noch, wenn man sich in der Kerzenkapelle befindet. Helligkeit kommt einzig von der großen verglasten Fensterfront gegenüber dem Altar, geöffnet zur Schwarzwaldlandschaft hin.

 

Vorläufer der Pfarrkirche waren auf dem Höchsten, der erst in den Frühzeiten des Tourismus um 1900 besiedelt wurde, zwei Kapellen. Zum einen, die etwas versteckte Kapelle Maria Rast beim Feldberger Hof. Sie war 1889 auf Betreiben der "Feldbergmutter" Fanny Mayer erbaut worden. Zum anderen war jahrzehntelang die Kapelle des Caritas-Hauses die Gebetsstätte der Feldberger Katholiken. Nicht zuletzt aufgrund etlicher Baumaßnahmen und der sich rasch entwickelnden Gästezahlen war in den 1950er-Jahren dieses kleine Gotteshaus jedoch zu klein geworden. Parallel wurde Ende der 1950er-Jahre die Kuratie Feldberg mit Gebietsteilen der umliegenden Gemeinden eingerichtet, mit dem Ziel bald eine eigene Kirchengemeinde Feldberg zu gründen. 1959 war es dann soweit und bereits 1961 lagen die Pläne für eine eigene Pfarrkirche auf dem Tisch. 1962 erfolgten die schwierigen Erdaushub- und Gründungsarbeiten. Soldaten des 76. amerikanischen Pionierbatallions leisteten mit teils schwerem Gerät die Hauptarbeit. Schon im August 1963 konnte Richtfest gefeiert werden, Anfang Dezember traf man sich in Scharen zum ersten feierlichen Gottesdienst in der neuen Kirche Verklärung Christi.

 

Wetterextreme machten der höchstgelegenen Pfarrkirche dann bereits 1971 zu schaffen. Durch Druck meterhoher Schneemassen barsten damals mehrere Scheiben. Fast vergessen ist heute eine weitere Schreckensszenerie. Denn der ganz große Schock sollte erst noch kommen: Vor 32 Jahren, am 26. Dezember 1981, während des weihnachtlichen Gottesdienstes, drückte die gewaltige Last des nassen und fast vier Meter hohen Schnees das Dach ein. Ein Leimbinder war gebrochen, Schaden von gut 150 000 Mark entstanden. Die Gläubigen konnten sich glücklicherweise allesamt in Sicherheit bringen. THW und Feuerwehr waren stundenlang im Einsatz, entlasteten das Dach, um es vor einem endgültigen Einsturz zu retten. Die Kirche wurde gesperrt und die schadhaften Stellen abgestützt. Mit der Reparatur musste man aus naheliegenden Gründen bis zum Frühjahr warten.

 

Die Probleme der einstigen Prestigekirche, die durch ihre außergewöhnliche Höhenlage noch immer eine Sonderstellung in der deutschen Kirchenlandschaft einnimmt, sind schon lange bekannt. Die Gläubigen fehlen. Heutzutage wird in der Regel noch vier Mal die heilige Messe zu fixen Terminen gefeiert: Weihnachten, Ostern, Pfingsten und zum Patrozinium im August.

 

Das Gotteshaus verursacht hohe, laufende Kosten. Angefangen von den Heizkosten, über Reparaturen bis zum ganz normalen Unterhalt. Auch der härteste Beton bröckelt bei den Extrembedingungen auf dem Feldberg und erst im vergangenen Jahr musste für stolze 57 000 Euro die gesamte Fensterfront erneuert werden. Auch der im Untergeschoss liegende großzügige Saal wird laut Pfarrer Buchmüller kaum noch genutzt. Immerhin: Das nebenliegende ehemalige Pfarrhaus ist vermietet. [...]

 

Was nach einem halben Jahrhundert sowohl dem flüchtigen Betrachter als auch den seltener gewordenen Kirchenbesuchern geblieben ist und in Zukunft bleiben wird, lässt sich am besten mit den Interviewworten des Architekten Disse vor einem halben Jahrhundert kommentieren: "Das Ganze ist eine Kirche dieser Zeit, die sich wohl in die raue Landschaft des Feldbergs einfügt. ... Natur und Gebautes sind nicht vermischt, sondern integriert."

 

Vor allem, wer in den langen Wintermonaten durch hohe Schneewände die Kirche ansteuert, sie durch die schweren Eisenportale betritt und aus der stillen Geborgenheit auf die verschneite Schwarzwaldlandschaft blickt, wird sich dieser Interpretation vorbehaltlos anschließen.

 

Manfred-G. Haderer in: Badische Zeitung, 06. April 2013